Nach meinem faszinierenden Besuch von Angkor Wat schmeißt Chivan sein Tuk-Tuk wieder an. Der Motor knattert, wir fahren weiter in die “Große Hauptstadt” Angkor Thom. Der bedeutende Khmer-König Jayavarman VII. ließ diese gewaltige Anlage Ende des 12., Anfang des 13. Jahrhunderts errichten, nachdem er die feindlichen Cham aus seinem Reich vertrieben hatte. Ein quadratischer Mauerring mit einer Seitenlänge von sage und schreibe drei Kilometern umgibt die heilige Stadt. Zudem wird Angkor Thom von einem etwa 100 Meter breiten Wassergraben begrenzt.
Das Südtor von Angkor Thom
Über fünf Tore ist Angkor Thom zu erreichen. Chivan und ich nehmen das Südtor, das sich im Gegensatz zu den anderen Portalen in einem relativ guten Zustand befindet. Die Brücke über den Wassergraben ist gesäumt von gut erhaltenen Dämonen und Göttern aus Stein. Von rechts schauen uns grimmige Asuras an, von links leuchtende Devas. Beide Parteien ziehen an der Riesenschlange Vasuki und erinnern so an den schönen Mythos vom Quirlen des Milchmeeres.
Wir fahren durch das erhabene Südtor und brettern geradewegs auf den Bayon zu. Der Bayon ist der zentrale Tempel von Angkor Thom und gehört mit den sakralen Anlagen Angkor Wat und Ta Prohm zu den berühmtesten Heiligtümern des alten Khmer-Reiches. Das auch mit gutem Grund. Denn ausgestattet ist der faszinierende Tempel Bayon mit etlichen Türmen, die mit meterhohen Gesichtern versehen sind. Bei den Gesichtern, die geheimnisvoll lächelnd in alle vier Himmelsrichtungen blicken, handelt es sich um das Antlitz des aus dem Mahayana-Buddhismus bekannten Bodhisattva Lokeshvara.
Dominanz der buddhistischen Einflüsse
Während in Angkor Wat die hinduistischen Einflüsse überwiegen, dominieren in Angkor Thom und im Tempel Bayon die buddhistischen. Dieser besondere Umstand ist leicht zu erklären, denn im Gegensatz zu seinen Vorgängern war Jayavarman VII. buddhistischen Glaubens. Da der große Khmer-König aber keine religiöse Umwälzung im damaligen, stark vom Hinduismus geprägten Kambodscha vom Zaun brechen wollte, ließ er sich beim Bau von Angkor Thom auch von der indischen Kosmologie inspirieren. So repräsentiert der atemberaubende Tempel Bayon in der Mitte der heiligen Hauptstadt Angkor Thom den kosmischen Berg Meru, der in der hinduistischen Mythologie das Zentrum des Universums darstellt.
Die Basreliefs des Tempels Bayon
Wie in Angkor Wat kann ich im Tempel Bayon viele geheimnisvolle Basreliefs betrachten. Neben gewöhnlichen Szenen aus dem einstigen Khmer-Alltag finde ich detailreiche Abbildungen von brutalen Kriegsgefechten. Darüber hinaus entdecke ich den mächtigen Herrscher Jayavarman VII. und bin ein wenig verblüfft über die Ähnlichkeit seines Antlitzes mit den vielen steinernen Gesichtern auf den Türmen des Bayon. Vieles spricht wohl dafür, dass sich der große Khmer-König mit dem Bodhisattva Lokeshvara identifizierte.
Nachdem ich mich lange genug im wundervollen Tempel Bayon aufgehalten habe, gehe ich zurück zu meinem Tuk-Tuk-Fahrer, um mit ihm eine erholsame Mittagspause einzulegen. Die vielen Stunden der Besichtigung haben meinen leeren Magen zum Knurren gebracht. Da das kambodschanische Essen in den Imbissbuden von Angkor Thom nicht gerade teuer ist, lade ich Chivan ein. Zu trinken bestelle ich uns beiden Bier. Passenderweise trägt es den Namen “Angkor”.

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