Auf Entdeckungstour in Angkor Wat

Ein Bild von mir auf meiner Entdeckungstour in Angkor Wat05:30 Uhr: Ich quäle mich aus dem Bett, um den für sechs Uhr bestellten Tuk-Tuk-Fahrer ja nicht warten zu lassen. Ich begebe mich in die Dusche, wo mir das lauwarme Wasser wohltuend ins Gesicht spritzt, streife mir meine Klamotten über, packe die wichtigsten Utensilien in meinen Rucksack und gehe nach draußen. Der Tuk-Tuk-Fahrer, ein junger, drahtiger Mann, wartet bereits auf mich. Ich frage ihn, wie er heißt. Freundlich antwortet er mir, Chivan.

„Hi Chivan, my name is Mel!“ – sage ich und frage, wie viele US-Dollar ich für eine individuelle Angkor-Rundfahrt entrichten müsse. Er sagt „12“, ich sage „10“. Er ist einverstanden, wenn ich ihm die Garantie gebe, auch in den nächsten Tagen mit ihm fahren zu wollen. Ich nicke und steige in sein buntes Tuk-Tuk. Chivan sagt, seine „Lady“ habe ihn noch nie im Stich gelassen. Im ersten Moment bin ich etwas verwirrt und weiß nicht so recht, ob er mit „Lady“ nun seine Frau gemeint hat oder sein Gefährt. Als er den knatternden Motor seines Tuk-Tuks zum Laufen bringt und ein jubilierendes „As I said before!“ in den kambodschanischen Morgenhimmel ruft, sind alle meine Zweifel ausgeräumt.

Mit dem Tuk-Tuk nach Angkor Wat

Chivan fährt und sieht irgendwie glücklich aus beim Fahren. Er hat sich ein Tuch um das halbe Gesicht gewickelt, um vor den kleinen, roten Staubkörnern in der Luft geschützt zu sein. Hätte ich das mit den Staubkörnchen gewusst, hätte ich wohl auch einen seidenen Schal mitgenommen, denn etliche Körnchen schießen wie winzig-kleine Geschosse in mein zerknittertes Gesicht. Dennoch genieße ich die rasante Tuk-Tuk-Fahrt. Unzählig viele Menschen befinden sich bereits auf den ungewöhnlich rot schimmernden Straßen von Siem Reap. Mit der aufgehenden Sonne möchten sie ihren Tag beginnen.

Der erste Halt meines Angkor-Trips ist am Ticketschalter zwischen Siem Reap und Angkor Wat. Hier muss ich mir noch ein Wochenticket besorgen. Es kostet 60 Dollar, was sicher nicht günstig ist für einen armen Studenten wie mich. Doch da ich geplant habe, mindestens eine Woche in Siem Reap zu verbringen, kann ich mit dem Tagesticket für 20 bzw. dem Drei-Tage-Ticket für 40 Dollar nicht allzu viel anfangen. Ich grinse gekünstelt in eine Mini-Kamera rein und halte nach wenigen Augenblicken meinen persönlichen „Angkor-Pass“ in der Hand.

Der ca. 200 Meter breite Wassergraben des Tempelheiligtums Angkor WatIch gehe zurück zum Tuk-Tuk und Chivan bringt die röhrende Maschine wieder ans Laufen. Der Wind bläst mir schneidig ins Gesicht. Von Minute zu Minute steigt die Spannung, mit ihr die Vorfreude. Chivan sagt, dass wir bald den circa 200 Meter breiten Wassergraben von Angkor Wat sehen könnten. Wir brettern über eine langgezogene Straße, die gesäumt ist von etlichen Bäumen. Ich betrachte dicke Stämme und verkrüppelte Äste. Da ruft Chivan auf einmal: „Look, in the front, the moat, the moat!“

Über die Sandsteinbrücke zum gewaltigen Haupteingang

Das mächtige Hauptportal im Westen des riesigen Angkor-Wat-KomplexesDer Anblick des Wassergrabens von Angkor Wat ist gigantisch. Noch gigantischer finde ich allerdings den mächtigen Haupteingang im Westen des Heiligtums und die dorthin führende Sandsteinbrücke. Abschreckend sollte der Eingang zum riesigen Tempelkomplex auf die Feinde des alten Khmer-Reiches wirken. Dass das Hauptportal von Angkor Wat diese Wirkung verfehlt hat, kann ich mir beileibe nicht vorstellen. Denn als ich aus dem Tuk-Tuk gestiegen bin und meinen Blick auf das gewaltige Konstrukt gerichtet habe, sind mir die Augen aus den Höhlen gefallen.

Aber nicht nur mich versetzt der majestätische Haupteingang in Staunen, sondern auch ganze Heerscharen von Touristen. Mit ihren Kameras im Anschlag stiefeln sie über die Sandsteinbrücke und sind erpicht darauf, viele tolle Fotos zu schießen. Aus aller Herren Länder sind Menschen nach Siem Reap gekommen, um das von der UNESCO als Weltkulturerbe ausgezeichnete Tempelheiligtum Angkor Wat bewundern zu können. Da viele Besucher in riesigen Gruppen unterwegs sind, ist der Lärmpegel leider sehr hoch.

Auf dem Gelände von Angkor Wat

Stilvolle Löwenfigur am Haupttor von Angkor Wat.Ich gehe durch den Eingang und begebe mich auf das riesige Gelände von Angkor Wat. 1.500 x 1.300 Meter ist die Fläche des gesamten Areals groß, wobei der eigentliche Tempel vielleicht ein Fünftel davon ausmacht. Der Rest des Komplexes ist größtenteils braune Erde. Zur Blütezeit der alten Khmer-Kultur standen hier Hütten und Bauten aus Holz, in denen das Tempelpersonal und das Gefolge des Königs wohnten. Erhalten geblieben ist davon leider nichts.

Eine lange Allee aus großen Sandsteinplatten führt in der Mitte des Komplexes vom Haupteingang zur erhöhten Tempelplattform. Gesäumt ist diese Straße von schönen, mythischen Figuren aus Stein. Eine Vielzahl von Nagas kann ich beispielsweise auf meinem Weg zum Haupttempel entdecken. Nagas sind Wesen aus der indischen Mythologie, halb Mensch, halb Schlange.

Galerien, Kreuzgänge, Prasats und Steinfiguren

Morgendlicher Blick auf den gigantischen Tempel von Angkor WatDer Tempel von Angkor Wat selber ist bombastisch. Ein architektonisches Kunstwerk allererster Güte. Der Hautprasat (Prasat = Turmheiligtum) steht im Zentrum der Tempelplattform und überragt die anderen Prasats und Eckpavillons um einige Meter. In den Galerien und Kreuzgängen lassen sich schöne Steinfiguren und atemberaubende Bildwerke finden. Ich wandle durch den heiligen Tempel und bin sehr begeistert von der Schönheit dieses grandiosen Bauwerks. Warum Angkor Wat Abertausende von Menschen in seinen Bann zieht, weiß ich nun.

Weibliche Gottheiten mit komplizierten Frisuren in Angkor WatAllein über 1.500 Devatas kann man in Angkor Wat entdecken. Devatas sind üppig bebuste Göttinen mit ungewöhnlichen Frisuren. Sie stehen meist vor blühenden Bäumen und tragen ein geheimnisvolles Lächeln im Gesicht. En detail schaue ich mir die weiblichen Figuren an und frage mich, wie viel Arbeit es wohl gewesen sein muss, diese Devatas in all ihrer Pracht herzustellen.

Die Basreliefs von Angkor Wat

Abbildung einer Kriegsszene aus der mytischen Schlacht von Kurukshetra nördlich von DelhiAm faszinierendsten finde ich allerdings nicht die vielen wunderschönen Steinfiguren, sondern die überwältigenden Basreliefs in der äußersten Galerie des Tempels. Hier werden insbesondere die Taten des Hindu-Gottes Vishnu nacherzählt, mit dem sich Suryavarman II., der große Erbauer von Angkor Wat, identifizierte.

Die Soldaten von Suryavarman II. ziehen in die SchlachtGegen den Uhrzeigersinn bewege ich mich von einer Tafel zur nächsten. Zunächst betrachte ich die Schlacht von Kurukshetra aus dem Mahabharata-Epos, dann die marschierende Armee des Khmer-Königs Suryavarman II. Danach ziehen mich die Bilder vom Totengericht in ihren Bann, in denen verstorbene Soldaten von hässlichen Ungeheuern aufs Übelste und Brutalste gefoltert und in Stücke gerissen werden.

Monsterähnliche Wesen foltern die Verdammten im Gericht über die TotenNach der Betrachtung der Angst einflößenden Folterszenen gehe ich weiter und sehe auf der Ostseite der Galerie den in Stein gemeißelten Mythos vom Quirlen des Milchmeeres. In dieser schönen Erzählung wickeln Götter und Dämonen die Riesenschlange Vasuki um den kosmischen Berg Mandara. Diesen haben sie in das Milchmeer gestellt, um ihn als gewaltigen Quirl zu benutzen. Abwechselnd ziehen die Götter am Schwanz und die Dämonen am Kopf der riesigen Schlange Vasuki.

Shiva hilft beim Quirlen des Milchmeeres - Basrelief in der äußersten Galerie des Tempels von Angkor WatIn den Tiefen des Milchmeeres befindet sich nämlich das Unsterblichkeitselixir Amrita. Um an dieses begehrte Elixir zu gelangen, haben sich die Götter und Dämonen, die sich normalerweise feindlich gegenüberstehen, verbündet. Beim Quirlen des Milchmeeres verwandelt sich Vishnu in die Schildkröte Kurma und bildet am Grund des Ozeans das Fundament für den Berg Mandara. Durch die mächtige Drehbewegung werden herrliche Wesen aus dem Wasser geschleudert. Auch kommt durch das gewaltige Quirlen der Unsterblichkeitstrunk Amrita zum Vorschein, den der „Heiler der Götter“ in einem Fläschchen sammelt.

Vishnu vor dem Berg Mandara, der auf der Schildkröte Kurma stehtAls die Dämonen sehen, dass der „Heiler der Götter“ im Besitz des Unsterblichkeitselixirs ist, fordern sie sofort ihren Anteil. Vishnu verwandelt sich schnell in die Gestalt der bezaubernden Mohini, um die Fordernden abzulenken. Das Täuschungsmanöver gelingt. Die Götter teilen schnell das Elixir unter sich auf, besiegen die Dämonen und schwingen sich so zu den Herrschern des Universums auf.

In der Schlacht von Lanka kämpfen Affen gegen DämonenNachdem ich die wundervollen, vom Quirlen des Milchmeeres erzählenden Reliefs zur Genüge bewundert habe, begebe ich mich an das Ende der Galerie, wo die Schlacht von Lanka abgebildet ist. Der mythische Held Rama besiegt das tausendköpfige Ungeheuer Ravana und befreit seine schöne Frau Sita aus dessen Gewalt. Hilfe erhält Rama von den Kriegern des Affenkönigs Sugriva. So sind im Schlachtgetümmel wilde Affen zu erkennen, die gegen fratzenhafte Dämonen kämpfen.

Das architektonische Weltwunder Angkor WatMit der Betrachtung der faszinierenden Basreliefs endet mein aufregender Besuch von Angkor Wat. Überwältigt von der Schönheit des Tempels gehe ich zurück zu meinem Tuk-Tuk. Chivan kommt mit einem Lächeln auf mich zu und fragt mich, ob ich Angkor Wat toll gefunden habe. Ich möchte ihm antworten, nur bringe ich keinen einzigen Ton heraus. Völlig versunken nicke ich lediglich. So, als ob ich mich in einer anderen Welt befinden würde.

12 Gedanken zu „Auf Entdeckungstour in Angkor Wat

  1. Pingback: Reisen. Urlaub. Abenteuer. » Blog Archive » Die Angkor-Tempel nahe Siem Reap

  2. John Rüth

    Sehr schöne Impressionen – macht Lust auf mehr;) Hoffentlich klappt das nächstes Jahr mit Kambodscha – lange sollen die Tempelanlagen von Angkor ja angeblich nicht mehr stehen…

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    1. Mel

      Als ich vor einem Jahr in Siem Reap gewesen bin und die Tempel von Angkor betrachtet habe, haben sich einige Sehenswürdigkeiten bereits in einem recht maroden Zustand befunden. Manche Bauwerke durften aus Restaurationsgründen nicht einmal betreten werden wie beispielsweise der Phimeanakas in Angkor Thom („Große Hauptstadt“). Auch Angkor Wat wurde zu dieser Zeit restauriert, weswegen einige Teile leider nicht zugänglich waren.

      Dass Angkor in naher Zukunft untergehen wird, denke ich jetzt aber nicht. Viele Organisationen pumpen sehr viel Geld in die Restauration der Tempel und kümmern sich darum, dass wir auch in den nächsten Jahren tolle Impressionen von Angkor mit nach Hause nehmen können!

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  6. Babsi

    Letzten März war ich in Kambodscha und habe selbstverständlich auch Angkor Wat besucht. Ich fand es richtig toll dort, auch wenn es in den meisten Tempelanlagen sehr überlaufen war. In aller Ruhe die Tempel bewundern kann man eigentlich nur, wenn man „antizyklisch“ vorgeht. Dann müsste man aber auch auf den schönen Sonnenaufgang in Angkor Wat verzichten können (ich konnte es nicht!). Im Großen und Ganzen fand ich Siem Reap und die heiligen Bauten drum herum so toll, dass ich irgendwann noch mal nach Kambodscha reisen werde. Für all die, die noch nie Angkor Wat und die anderen Tempel gesehen haben: Reist dorthin, es lohnt sich!

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    1. Mel

      Die Besucherströme in Angkor sind gewaltig, das ist nicht zu leugnen. Angesichts der Schönheit der Tempel ist es aber auch kein Wunder, dass derart viele Touristen den Weg nach Siem Reap finden!

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  7. Pingback: Südostasien 2009: Reisebericht über meinen Aufenthalt in Südostasien | Melvin Rüth bloggt!

  8. Umbehaue

    Jetz gibt es nur noch ein 3 Tage Ticket Preis 60 US. Und ein Wochenticket Preis ?
    Dafür kostet der Tuck Tuck Fahrer 6 US. Stand 10/2011

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